[Traum] Komm zum Küssen!

2. Februar 2016

Etwas atemlos vor Eile betrete ich den Empfangsraum einer mir unbekannten kleinen Firma. Uff, geschafft! Offenbar bin ich sogar etwas zu früh da. Der ausgeblichene, olivgrüne Vorhang  in der Pförtnerloge ist noch zugezogen, das ovale Sprechfensterchen geschlossen. Dahinter verborgen ein soeben eingetroffener Mitarbeiter, so vermute ich den Geräuschen nach. Das heißt, zeitmäßig liege ich nicht völlig daneben. Wo aber bleibt der Mann, der mich zu so früher Stunde, dazu noch völlig überraschend, zu einem Kuss hierher bestellt hat?

Hätte ich eine Uhr bei mir, schaute ich jetzt nach der Zeit. So schlendere ich im kleinen Vorraum hin und her, bemerke den schalldämpfenden Effekt des Bodenbelags, der das Geräusch meiner hohen Absätze verschluckt, registriere die angenehme Wärme … ach, und so wunderbar ruhig ist das hier. Nur eine Sache beunruhigt mich: Der Mann, der mich zum Küssen gebeten hat, arbeitet in dieser Firma und ich glaube nicht, dass Küssen in seinem Dienstplan vorgesehen ist. Erst recht nicht in Gegenwart seiner Kollegen, denen ich genau so fremd bin wie ihm.  Wenn das mal keine Schwierigkeiten gibt … Schlimmstenfalls – ich habe es direkt vor Augen – werden mich die Angestellten mit einer hölzernen Dokumentenablage oder einem anderen schweren Gegenstand, den sie empört von ihren Schreibtischen greifen, aus dem Haus prügeln! Auch dem Mann könnte es so ergehen.  Ob er das bedacht hat? Naja, aber das sieht ja eh so aus, als käme er gar nicht und alle Sorgen sind überflüssig.

Andererseits hatte ich mich inzwischen darauf gefreut … auf seine Wärme, die – durch die Luftschicht zwischen Hemd und feinem Pulli noch verstärkt – mich angenehm umfangen dürfte. Auf seinen Geruch, der sich mit dem Eigengeruch des Pullis zu einem unwiderstehlichen Duft vermischte … Mit geschlossenen Augen würde ich diesen Geruch in mir aufnehmen. Vielleicht umfinge er mich so stürmisch, dass ich rückwärts auf dieses etwas altmodische Sofa fiele, das dort an der Wand steht. Von ihm jedoch rechtzeitig gehalten, so dass ich mehr sanft dahin sänke. Ja, vielleicht wäre all das so, träfen wir uns an einem anderen Ort. Aber er bestand ja unbedingt darauf: Hier, in dieser Firma, im Angesicht seiner Kollegen.

Ich rechne schon nicht mehr damit, plötzlich steht er da und im nächsten Moment umfängt mich sein Arm fest in der Taille, er zieht mich an sich, so dass ich mich wie ein Bogen biege, mein Gesicht ihm zugetan und damit den ersten Kuss empfange. Meine Lippen zu klein, um meine Zähne zu bedecken. Wie ein riesiges Loch im Gesicht, von dem ich kurz fürchte, sein Kuss könne darin verloren gehen! Bin ich ihm gegenüber zu offen? Daran liegt es! Ich werde weich … lasse geschehen … und alles ist richtig so.

Da wird, hinter seinem Rücken, der Vorhang in der Pförtnerloge beiseite gezogen und die Tür öffnet sich. Sein Kollege schaut heraus und ruft den Mann zurück in die Büroräume. Der Aufforderung folgend, lässt er noch in der gleichen Sekunde von mir ab, so als legte er ein beliebiges Aktenstück beiseite. Schade, es war gerade so schön. Mit einem angenehm satten Geräusch fällt die Tür hinter ihm ins Schloss – Stille.

Plötzlich, von der Seite aus einer dunklen Nische heraus, gibt es ein Tschingderassabum! Das kommt unerwartet und ist so irre laut,  dass es mich direkt vor eine kleine Bühne versetzt, auf der sich eine kleine Tanzgruppe formatiert. Die Tschinellen unermüdlich schlagend, führen sie einen Mischung aus Square Dance, Steptanz und Faschingsumzug vor. Mir den Tanzschritten zeichnen sie eine imaginäre, steile Wellenlinie, die vom linken Bühnenbereich nach rechts verläuft. Mir ist nicht klar, was damit ausgedrückt werden soll. Auch kommt das so unerwartet und erscheint mir so verrückt, dass ich gar nicht alle Eindrücke erfassen kann. Ich schaue  mich um …Der Zuschauersaal ist dunkel. Bin ich die einzige Zuschauerin? Verstehe ich nicht … Da taucht der Leiter der Tanzgruppe aus dem Dunkel auf: Das ist ja Hans Rosenthal?!. Er schaut direkt mich an?! Ist so heftig gerührt, dass ihm trotz der lustigen Musik die Tränen über das Gesicht fließen. Das ist doch absurd? Oder ist es der raumfüllende Klang der Tschinellen,  die an den empfindsamen Fasern seines Herzens zieht? Oder Tränen des Glücks über das unerwartet gute Gelingen der Tanzeinlage? Oder weil ich der spontanen Einladung von jetzt auf gleich folgte? Aber er kennt mich ja gar nicht, was sollte ihm daran gelegen sein. Ziemlich kurios das alles. Als wäre die spontane Verabredung zum Küssen nicht schon verrückt genug gewesen. Merkwürdig … Wo bin ich hier eigentlich? Ich schaue mich fragend um …

wach!

Schlafgrafik

2016-02-02

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7 Kommentare zu „[Traum] Komm zum Küssen!

    1. Ihr Kommentar hat mich nun doch dazu verleitet, nach einer Aufzeichnung von Dalli Dalli zu suchen. Ich wollte diesen Sprung noch einmal anschauen. Beim Ansehen fiel mir gleich das Wabenmuster der Kulisse auf. Genau dieses Wabenmuster erinnert mich an einen Traum, der diesem Kuss-Traum folgte. Zwar erkenne ich den Zusammenhang noch nicht, aber immerhin habe ich ihn überhaupt entdeckt.
      Ich bin der Meinung, Ihr Kommentar war …SPITZE!

    1. Joa, das war doch mal angenehm! Wünsche Dir ein traumhaftes Wochenende. Ob ich mir mal einen 1A, allererste Sahne-superduper-schönen Traum wünschen soll? Hm … nicht, dass das nach hinten losgeht! 😀

  1. Das war doch mal ein schöner Traum… Weißt Du eigentlich, dass seit 2013 die modernisierte NDR-Version von Dalli Dalli im Ersten unter dem Titel Das ist Spitze! läuft? Diesen Hans Rosenthal hab´ich irgendwie auch heulend im Gedächtnis. Hat der öfters geheult? Ich weiß es nicht mehr, erinnere mich aber an die Luftsprünge, obwohl ich das als Kind nicht so häufig geschaut habe . Ist ja auch nicht so wichtig.. Ich finde das Faszinierende an Deinen Träumen ist sowieso , was Du mit Deinem tollen Schreibstil daraus machst ;-). Wenn man bedenkt, dass der Traum in der Realität ja nur einer von ganz vielen in jener Nacht war! Ich finde es bei mir strange, dass ich in der einen Minute, wenn ich aufwache, noch fast „im Traum“ bin, wenn ich mich nicht weiter damit befasse ihn aber oft kurze Zeit später vergessen habe. Ich weiß, dass ich geträumt habe, aber nicht mehr was! Wie ist das denn bei Dir? Schreibst Du das mitten in der Nacht auf oder bist Du so „traumtrainiert“, dass Du das gar nicht mehr brauchst? Jedenfalls freue och mich auf weitere Ergüsse aus Deinem Kopfkino, Nessy von den happinessygirls

    1. Von der modernisierten Version las ich erst, als ich diesen Traumtext noch einmal überarbeitete. Als Kind hat mir Dalli Dalli vor allem wegen Hans Rosenthal gefallen. Ich habe immer zu gerne beobachtet, wie freundlich und rücksichtsvoll er mit seinen Gästen umgeht. Ich habe ihn, von damals, als leicht berührbaren Menschen in Erinnerung. Von daher passt das, wenn Du Dich fragst, ob er öfter geheult hat. Eine Frage die ich darüber hinaus nicht beantworten kann.

      Ich schreibe nicht alle Träume auf. Wenn es mir aber wichtig ist, dann durchaus auch mal mitten in der Nacht. Manchmal sind die Träume so klar und realistisch erlebt, ähnlich wie im Wachleben, dann bleiben sie auch ähnlich wie ein Erlebnis in Erinnerung – das ist am wenigstens anstrengend.

      Danke Dir, Nessy, für Deinen lieben Kommentar, der mich ganz happy macht. Bis bald, träum was Feines – Samtmut

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